Shalom, Israel שלום ישראל

Heute stand nun also die Rückreise an und wie es sich für einen schmerzhaften Abschied gehört, begann er mit dem Aufstehen um 04:30 Uhr. Pünktlich um 6 Uhr erreichten wir die AVIS-Station am Ben Gurion Flughafen bei Tel Aviv und standen die geforderten drei Stunden vor Abflug am Terminal. Bevor wir einchecken konnten, mussten wir zunächst die gefürchteten Sicherheitskontrollen durchlaufen. Das Netz ist voller Horrorgeschichten über Schikanen von Besuchern, Verhöre und verpasste Flüge, insbesondere, wenn Reisende nicht weiß sind und in ihrem Reisepass Stempel arabischer Staaten, Iran und Malaysias haben. Angesichts der Stempel aus Tunesien, Marokko und Malaysia in unseren Pässen waren das ideale Voraussetzungen für ein längeres Gespräch. Aber gut, dass wir auf das vernetzte Gerede nichts gegeben haben, denn in dem obligatorischen Gespräch fragte die freundliche Grenzbeamtin, wie unsere Namen ausgesprochen werden, wie wir zueinander stehen und was wir in Israel gemacht haben. Sehr hilfreich waren auch die Krücken, die ich im Urlaub seit Tag 4 nicht mehr angerührt habe. Eigentlich wollte ich sie in Israel lassen und einem religiösen oder sonstigen „Würdenträger“ geben, der sie jemandem gibt, der sie nötiger hat als ich. Allerdings war ich – losgelöst von den gruseligen Bewachern der Heiligen Stätten – noch geprägt von der Hinflug-Erfahrung, als wir aus der langen Passkontrolle-Schlange herausgerufen wurden und nach ganz vorne vorrücken sollten. So humpelte ich bei unserer Abreise mit zwei Krücken, viel Gepäck, einer Neunjährigen mit Down Syndrom und einer Mittelalten ohne Befund durch Ben Gurion International, bis eine freundliche Sicherheitsbeamtin uns in der Schlange bat, ihr zu folgen und nach ganz vorne zu gehen. Die Flüge von Tel Aviv nach Rom und der Weiterflug nach Düsseldorf zwei Stunden später fanden ohne besondere Vorkommnisse statt. Mit im Flieger saß eine ultraorthodoxe Familie, bestehend aus dem Vater, dem etwa 12-jährigen Sohn, der wie sein Vater den schwarzen Kaftan und einen großen Hut trug, seiner jüngeren Schwester in einem langen Kleid und der Mutter, die ebenfalls ein langes Kleid, lange Ärmel und eine Perücke trug. Verheiratete ultraorthodoxe Frauen müssen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedecken und das tun sie, indem sie ein Haarnetz, ein Kopftuch oder eben eine Perücke tragen. Diese Perücke war ganz offensichtlich als solche erkennbar und so unpassend, dass sie das Gesicht der Frau verhunzte. Aber auch nach dem Flug muss ich vor allem an das Kind in dem Kaftan denken. Vom Weiten dachte ich zunächst, dass die Bekleidung den Jungen viel älter wirken ließ. Als er aber vor mir stand, wirkte er in dem Kaftan mit dem schwarzen Hut nicht älter, sondern verkleidet – und etwas verloren. Er hatte eine alte Kamera in der Hand, machte mehrere Fotos und war offenkundig fasziniert von dem regen Treiben in der Flugzeugkabine. Das ist bei einem Kind ja nichts Ungewöhnliches, aber ich fragte mich, wie der Junge die Widersprüche aushält, wenn er heute Fotos in einem Flugzeug macht und morgen nicht mal einen Lichtschalter anknipsen darf. Wir haben in diesem fantastischen Urlaub so viel erlebt und erfahren, dass er noch lange nachhallen wird – und ich mich noch ganz viel fragen werde. Bei unserer Ankunft in Düsseldorf stellten wir fest, dass unsere beiden Rucksäcke den Weg von Tel Aviv nicht geschafft hatten und wahrscheinlich in Rom geblieben sind. Drei Wochen Israel führten nicht nur zu Entspannung, sondern auch zu Pragmatismus. Wir waren froh, nur mit einem Koffer und Handgepäck mit der Bahn nach Köln zu reisen. Der Rest wird geliefert.

Endzeitstimmung

Um 10 Uhr fuhren wir zum zweiten Mal nach Mamshit, diesmal, um Nana zu retten. Mamshit, UNESCO-Weltkulturerbe, liegt im Negev südlich von Dimona, in dessen Nähe der einzige israelische Kernreaktor steht und die israelischen Atomwaffen gelagert werden, was die ganze Welt weiß und worüber in Israel niemand schreiben darf. Nana haben wir nach einstündiger Suche in den Ruinen jedoch nicht gefunden. Zu unserer großen Erleichterung setzte Linas Trauer aber gar nicht ein, was daran gelegen hat, dass die freundliche Kassiererin Lina einen großen Plüsch-Syrischen Steinbock, das Wappentier des Mamshit-Nationalparks, geschenkt hatte. Und Lina, die sich gestern so ganz dem Schmerz von Nanas Verlust hingeben wollte und durchaus das Potenzial hat, Feuer vom Himmel regnen zu lassen, war glücklich und froh und erwähnte Nana mit keinem Wort mehr. Wir waren so überraschend wie dankbar, fuhren zurück nach Shoresh und tummelten uns den Rest des Tages im Pool des Hotels. Das Kibbuzhotel besteht aus einer Reihe von kleinen Bungalows und liegt auf der Spitze eines Hügels in den Judäischen Bergen. Wir hofften, mit Einheimischen in dem Kibbuz ins Gespräch zu kommen, aber ein Kibbuz war nirgendwo erkennbar. Die Hotelgäste am Pool, deren Kinder und Enkel hebräische und russische Namen hatten, waren sehr vertraut unter- und miteinander und sprachen ausschließlich Russisch, was für unsere Kommunikation nicht gerade förderlich war. Offenbar ist das Hotel ein Geheimtipp russischer Einwanderer. So machten wir unsere üblichen Pool-Spiele und verfielen angesichts des morgigen Rückflugs in der untergehenden Sonne der Wehmut. Von der Hotelanlage auf dem Hügel hatten wir einen grandiosen Blick in die Täler und auf die anderen Hügel. Auch hier, wie in Galiläa, sind Siedlungen immer auf die Spitze eines Berges oder Hügels gebaut worden sind, nicht ins Tal und nicht an die Hänge. Mit zunehmender Zeit – und nachlassender Bedrohung im israelischen Kernland – haben Siedlungen sich zwar auch nach unten ausgebreitet, aber die ältesten Teile der Siedlungen sind immer an der höchsten Stelle. Auf der Fahrt nach Bethlehem hatte Kay unseren Taxifahrer Jerry gefragt, warum Siedlungen immer auf der Spitze der Hügel errichtet werden. Jerry antwortete mit einem Selbstverständnis, das uns gruseln ließ, weil es seiner Realität entstammte, die bei uns nur in Fiktionen wie Büchern und Filmen existiert. „Wenn der Feind kommt, kannst du besser von oben verteidigen.“ Als die Sonne untergegangen war, sahen wir die Lichter auf den Spitzen der anderen Hügel. Wir werden dieses herrliche Land mit seinen Widersprüchen vermissen.

Negev

Heute war der Tag, an dem wir uns endgültig von Jerusalem trennen mussten. Wir hätten uns noch länger ohne Langeweile dort aufhalten können, hatten nach insgesamt acht Tagen Jerusalem aber auch nicht das Gefühl, besonders viele weiße Flecken dort zurückzulassen. Gerne hätten wir Yad Vashem besucht, das Mindestalter für Besucher ist allerdings zehn Jahre. Lina wird in fünf Monaten zehn und Kay und ich hätten auch keine Skrupel, sie als Zehnjährige vorzustellen. Das Problem aber war Linas Unberechenbarkeit. Zwar ist sie nicht allzu autoritätshörig, nannte ihren Opa schon Blödmann und trat ihrem Schulrektor auch mal vors Schienbein – wozu es allerdings eine Vorgeschichte gibt. Im Ausland aber ist sie, wofür wir ziemlich dankbar sind, meist angepasst und die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf die Frage nach ihrem Alter nine antwortet, ist ziemlich hoch. Bei einem Testlauf jedenfalls fragte sie mich mit unschuldigem Blick, warum sie denn lügen soll, sie sei doch erst neun. Nachdem wir all das abgewägt hatten, entschieden wir, Jerusalem zu verlassen und werden die letzten beiden Nächte in Shoresh in den Judäischen Bergen übernachten. Nach dem Auschecken in Jerusalem fuhren wir zunächst etwa 200 km weit in den Süden, in die Wüste Negev. Die Landschaft war enttäuschend unspektakulär und erst in den letzten 20 Minuten fuhren wir durch eine interessante Wüstenlandschaft. Im Negev besichtigten wir die Ruinenstadt Mamshit, deren Bau im 1. und 2. Jahrhundert begonnen wurde. Lina spazierte los und legte keinen größeren Wert darauf, in meiner Nähe zu sein. In den letzten Tagen haben wir so unsere Probleme, ich bin ihr zu streng. Als ich vor der Besichtigung Mamshits zur Toilette ging, sagte Lina, „Mama, ich hab eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist, dass Papa zurückkommt.“ „Und was ist dann die gute?“ „Papa ist weg.“ Mit dem frechen Gör besichtigten wir in der trockenen Wüstenhitze dann die spektakulären Ruinen. Und da Mamshit abgelegen in der Wüste liegt, konnten wir dies völlig ungestört tun. Auf dem Rückweg stellte Lina dann erschrocken fest, dass Nana, ihre Puppe, fehlte. Nana war während des Urlaubs Tag und Nacht in Linas Arm, sie ist auf jedem Foto mit Lina zu sehen, lag schon auf jedem versifften Tisch und unter zahllosen umgekippten Getränken, fiel unzählige Male in den Staub, lag auf Jesus‘ Salbungsstein und war in seinem Grab. Und jetzt war sie weg. Auf der Rückfahrt nahm Lina es noch ganz gelassen, aber nachdem wir gegen 18 Uhr im Hotel eingecheckt hatten, wurde Lina die ganze Tragweite von Nanas Verlust bewusst und der Himmel begann, sich zu verdunkeln. Und in diesem Moment sagte Kay, durchdrungen von erratischer mütterlicher Liebe, dass wir morgen wieder nach Mamshit fahren und Nana suchen werden. Sie hatte gut reden, denn ich bin derjenige, der sich 400 km lang mit Irren auf den Straßen rumschlagen muss. Aber was blieb mir übrig? Ich bestätigte, dass wir morgen früh gern zurückfahren und Nana holen. Wir lassen keinen zurück. Das ist ein Ausdruck, den wir seit ewigen Zeiten scherzhaft immer wieder verwenden. Nach Jahren wird es jetzt ernst, wir fahren wirklich zurück und holen jemanden – und es ist dann eine müffelnde, dreckige Puppe. Aber angesichts der besonderen Beobachtung, unter der ich stehe und von dem kleinen Biest sexistisch reduziert und diskriminiert werde (Penisse dürfen mich nicht duschen, nur Mama), halte ich hier lieber die Füße still. Und so fahren wir morgen wieder in die Wüste und holen Nana. Sehr gerne.

Abschied von Jerusalem

Mit der Zeit hat sich jeder von uns mit den veränderten Situationen vor Ort vertraut gemacht. Kay feilscht beim Souvenirkauf mittlerweile ohne mich und meine Anwesenheit ist nur noch erforderlich, um zu sagen, welcher Ring oder Armreif besser aussieht oder ihr besser steht. Gewonnen habe ich dadurch trotzdem nichts, weil alles gleich aussieht, es mir schwerfällt, glaubhaft eine Meinung zu imitieren und meine Frau in solchen Momenten auf der Hut ist. Lina organisiert beim Frühstück an der Egg Station nicht nur Spiegelei für uns beide, sondern versucht mit zunehmender Zeit auch, nach ihrem Gusto Ausflüge zu beenden, indem sie an den Straßenrand springt und Taxen anhält. Da Taxifahrer hier auf solche Eingaben von Neunjährigen reagieren, zog das mehrere interne und externe Diskussionen nach sich. Und auch ich kenne mit der Zeit die Taxipreise und schlug heute lachend und „Thank you“ sagend die Taxitür zu, als der Fahrer mit treuherzigem Blick das Doppelte des üblichen Preises verlangte. Er hätte den normalen Preis wohl akzeptiert, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich den Tarif kenne, aber ich habe auch meinen Stolz. Und den kann ich mir leisten, denn mit der Zeit weiß ich, wo die Taxen stehen. Aber morgen endet genau diese Zeit hier. Wir werden in die Judäischen Berge fahren, daher schlenderten wir heute zum letzte Mal durch die Altstadt und konnten natürlich nicht anders, als auch die Grabeskirche ein letztes Mal zu besuchen. Das war, wie immer, interessant. Zunächst wurde von Priestern verschiedener Konfessionen zu Linas Leidwesen nahezu jeder Winkel des Erdgeschosses mit Weihrauch geräuchert. Unmittelbar hinter einem der Priester ging ein barfüßiger Mann in einem weißen Gewand mit langem Haar und zerzaustem Bart. Ich hatte vom Jerusalem Syndrom gelesen, einer anerkannten religiösen Psychose, bei der die Betroffenen die Wahnvorstellung haben, eine Person des Alten oder Neuen Testaments zu sein. Klingt ziemlich witzig, aber als ich den Mann sah, der in seiner ganz eigenen Welt lebt, hatte das nichts Witziges. Witzig waren hingegen die langen weißen Gewänder einer russischen Gruppe in der Grabeskirche, deren Vorderseite Jesus‘ Konterfei zierte. Die Gruppe trug die Gewänder über der normalen Kleidung. Eine junge Frau aus der Gruppe hatte aber wohl den kollektiven Dresscode nicht verstanden oder ignoriert, denn sie trug unter dem Gewand nur Unterwäsche, die wegen des dünnen Stoffs gut sichtbar war. Die grimmigen griechischen Mönche haben das wohl übersehen. Oder auch nicht, auf jeden Fall verließ die flotte Pilgerin später inmitten ihrer Gruppe fröhlich die Kirche. Und während auch wir die Grabeskirche verließen, musste ich an die Passage aus Queens Hit Breakthru denken: I get religion quick, cause you’re looking devine. Sicher gibt es passendere Orte für solche Texte und Gedanken, aber ich bin schließlich kein griechischer Mönch.

Mit Minirock und Sturmgewehr

Nach dem Frühstück gingen wir durch die Altstadt vom Damaskustor zur Klagemauer und dort zu dem Bereich, an dem man sich für den Besuch des Tempelbergs anstellen kann. Der ist an manchen Tagen von 13:30 Uhr bis 14:30 Uhr möglich und so reihten wir uns in die lange Schlange ein, ließen unsere Rücksäcke durch Röntgengeräte scannen, gingen über eine Holzbrücke und traten dann durch das Mughrabi-Tor, das einzige Tor, durch das Nichtmuslime den Tempelberg überhaupt betreten dürfen. Unmittelbar hinter dem Tor stand ein Mitarbeiter der palästinensisch-jordanischen Waqf-Behörde, die die Aufsicht über die islamischen Stätten auf dem Tempelberg ausübt. Und seiner Aufsichtspflicht kam er gewissenhaft nach. Jeder Besucher wurde von ihm aufgefordert, sich direkt vor ihn zu stellen. Der hörte dann entweder ein lautes „Can go“ oder ein theatralisches „Get dressed there“, untermalt mit einer Handbewegung zu mehreren Wäschesäcken, in denen sich Oberteile und Röcke befanden. Das Urteil des Sittenwächters war ziemlich willkürlich, denn manche Männer in Shorts durften passieren, andere in Shorts mussten sich einen Rock über die Hose ziehen. Die meisten T-Shirts gingen durch, einige nicht. Bei Frauen war es etwas einfacher: Bein und Schulter durften nicht gezeigt werden und die meisten T-Shirts wurden ebenfalls nicht akzeptiert. Welche Kriterien bei T-Shirts zugrunde gelegt wurden, blieb das Geheimnis des frommen Türstehers, über dessen Gehabe sich drei israelische Soldaten prächtig amüsierten. Lina und ich durften passieren, Kay musste einen langarmigen türkisfarbenen Pulli über das T-Shirt ziehen. Nachdem wir alle drei ordnungsgemäß gekleidet waren, schlenderten wir über den Tempelberg und machten Fotos vom Felsendom, der Al-Aqsa-Moschee und anderen Gebäuden, deren Zutritt für Nichtmuslime seit 2005 verboten ist. Kurz vor 14:30 Uhr wurden alle Touristen von den zahlreichen Aufsehern auf dem Tempelberg zum sofortigen Verlassen des Areals aufgefordert. Auch das Tor, durch das wir den Tempelberg verließen, wurde von drei israelischen Soldaten bewacht. Die Armee ist sehr präsent, an jedem Zugang zum Tempelberg sind drei Soldaten postiert, ebenso an jedem Stadttor. Zudem gibt es innerhalb der Altstadt Patrouillen von Soldaten, die teilweise gemeinsam mit Polizisten auf Streife gehen. Unter den Soldaten sind viele Frauen. Im Bereich der Klagemauer kamen uns heute drei junge Soldatinnen mit geschultertem Sturmgewehr entgegen, deren khakifarbene Röcke oberhalb der Knie endeten. Man sieht hier, anders, als bei uns, auch viele zivil gekleidete Bewaffnete. Anfangs waren wir erschrocken, als im Hotel in Tiberias der junge Betreuer einer Gruppe Jugendlicher eine kurze Ansprache hielt, sich umdrehte und wir eine Pistole in einem Halfter sahen. Und es ist immer wieder irritierend, wenn bei sehr jungen Frauen, die aussehen wie Schülersprecherinnen, an der rechten Hüfte ein Halfter mit Pistole erkennbar ist. In Deutschland habe mich immer gewundert, dass Artikel über israelische Messerstecher-Amokläufe damit endeten, dass der Angreifer, nachdem er ein oder zwei Menschen verletzt oder getötet hatte, von Sicherheitskräften erschossen wurde. In meiner Naivität dachte ich, wie gut, dass jemand da war. Heute weiß ich, dass es kein glücklicher Zufall war. Sie sind überall. Die drei Soldatinnen hatten wir kurz vor der Klagemauer gesehen, nachdem wir einen anderen Ausgang vom Tempelberg genommen und entschieden hatten, nochmals zur Klagemauer zu gehen. Als wir die Mauer passieren wollten, blieb Lina stehen und sah uns ernst an. „Ej Leute, ich muss euch was sagen: wir sind im Kreis gegangen.“ Wir lachten noch, als wir um die Ecke gingen und ein etwa 16-jähriger Ultraorthodoxer uns entgegenkam, seinen Hut vom Kopf nahm und plakativ vor seine rechte Gesichtshälfte hielt, um Kay und Lina nicht sehen zu müssen. Sobald er an den beiden vorbeigegangen war, ich ging ein Stückchen hinter ihnen, setzte er den Hut wieder auf. Natürlich witzelte ich über den furchteinflössenden Anblick der beiden Sirenen. Aber mit der Erfahrung von fünf Jahrzehnten musste ich daran denken, dass die Augen des frommen jungen Mannes noch ganz andere Anblicke ertragen werden, die seinen Glauben dann wirklich erschüttern können.

Nachschlag

Nachdem wir das Kind mit einem Frühstück bei McDonald’s glücklich gemacht hatten, fuhren wir mit dem Taxi zum Löwentor, einem Altstadttor aus dem 16. Jahrhundert. Von dort gingen wir bergab zum Kidrontal – in dem nach jüdischem und muslimischem Glauben das Jüngste Gericht stattfinden wird – und dann wieder den Ölberg bergauf, der auf der anderen Seite des Kidrontals liegt. Am Ölberg besichtigten wir die Kirche der Nationen, die um den Fels gebaut ist, an dem Jesus nach dem Letzten Abendmahl gebetet haben soll. Das ist besonders bemerkenswert, da er allein war. Vor der Kirche befindet sich ein kleiner Olivenbaumhain, der der Garten Gethsemane sein soll, durch den schon Jesus irrte. Nach der Besichtigung der Kirche gingen wir zurück zum Fuß des Ölbergs, zum Grab Marias. Nach dem Betreten der düsteren Kirche stiegen wir eine steile Treppe hinab, an deren Ende ein ebenso düster dreinblickender griechisch-orthodoxer Mönch saß. Seine finstere Miene verfinsterte sich noch weiter, als Lina, der wir auf der Treppe eingebläut hatten, dass man hier nicht sprechen darf, anfing, zu flüstern. Zugegeben, das Schweigen fällt Lina schwer. Sie hat immer was zu sagen und oft auch soviel (Mist) im Kopf, dass der Tag allein nicht ausreicht. Sie redet jede Nacht im Schlaf. Jetzt aber gab sie sich Mühe, flüsterte, und trotzdem hat sich der fromme Mann fast auf sie gestürzt. Auf dem Rückweg ans Tageslicht sinnierte ich daher über eine mögliche Erklärung für die institutionalisierte Griesgrämigkeit orthodoxer Mönche: Zu Beginn des Christentums waren die orthodoxen Kirchen ganz vorne am Start, sicherten sich den größten Einfluss und die vordersten Plätze an den Heiligen Orten. Im Gegensatz dazu musste die Katholische Kirche sich hier im Heiligen Land meist mit 1B- und 1C-Lagen begnügen. Irgendwann aber hat sich das Blatt gewendet und die Katholische Kirche ist außerhalb Jerusalems zu einem Global Player aufgestiegen. Die Griechisch-Orthodoxe Kirche hingegen ist nur in Griechenland und Zypern eine große Nummer, die Koptisch-Orthodoxe Kirche ist nicht mal in Ägypten führend und die Armenisch-Apostolische Kirche hat nicht mal einen Staat, dessen Staatsreligion sie sein könnte. Aus historischen Gründen gehört diesen Orthodoxen heute halb Jerusalem, aber was haben sie davon? Ich glaube, dass es dieser Gedanke ist, der den bärtigen Männern in ihren schwarzen Kaftanen wehtut, wenn sie im Halbdunkeln sitzen und auf Pilger warten, die sie zurechtweisen können. Nachdem wir die Höhle, die eine Kirche war, verlassen hatten, fuhren wir mit dem Taxi auf den Ölberg, machten ein paar schöne Fotos vom Panorama Jerusalems und ließen uns anschließend zum Löwentor fahren, von wo wir über die Via Dolorosa bis zur Grabeskirche spazierten. Dort gingen wir wieder zur Grabeskapelle und konnten bei unserer Ankunft ein unerwartetes Spektakel beobachten. Die Schlange der wartenden Gläubigen, die die Kapelle betreten wollten, war gestoppt und der Zugang zur Kapelle von mehreren Priestern abgeschirmt und freigehalten. Wir hörten Mönchsgesang und sahen einen griechisch-orthodoxen Priester in vollem Ornat, der mit einem Weihrauchfass gewichtigen Schrittes in die Grabeskapelle ging. In seinem Gefolge gingen Priester oder Mönche der anderen, in der Grabeskirche vertretenen, Konfessionen, unter ihnen ein Franziskanermönch. Etwa eine Minute blieb der fromme Tross in der Grabeskapelle, kam dann heraus und ging schnellen Schrittes in den angrenzenden Teil der Kirche. Als sie den Bereich der Kapelle verließen, wurde es hektisch. Mönche stellten Absperrungen vor dem Kapelleneingang wieder um, ließen weitere Gläubige am Ende der langen Schlange zu und bedeuteten den ganz vorne Wartenden, dass gleich wieder die Kapelle betreten werden dürfe. In dem Moment fasste einer der Mönche Lina an der Hand, sagte zu ihr „Come with me!“, zu Kay und mir „Follow me!“ und ging schnurstracks zum Eingang der Grabeskapelle. Bevor die schon lange Wartenden endlich die Kapelle betreten konnten, wurden wir von den Priestern hineingeschoben und knieten im nächsten Moment vor dem leeren Grab. Doch nach fünf Sekunden wurden wir in die reale Welt zurückgeholt, als ein anderer Mönch in der Kapelle uns mit „Come on, get up!“ anherrschte. Als wir schweigend und langsam die Grabeskirche verließen, waren wir ziemlich berührt. Offenbar – und zum Glück – hatten die Priester nicht mitbekommen, dass Lina sich vor ihrer VIP-Behandlung wegen der Weihrauchschwaden plakativ die Nase zugehalten hatte.

Im Auftrag des Herrn unterwegs

Beim Aufstehen hatten wir noch keine konkrete Planung für den Tag, der, wie wir später sehen sollten, tief im Zeichen der Religionen stehen würde. Da Jerry, unser christlich-arabischer Taxifahrer, in den nächsten Tagen nicht in Jerusalem sein wird, vereinbarten wir mit ihm, die geplante Tour nach Bethlehem heute spontan zu unternehmen. Lina meckerte, weil sie endlich bei McDonald’s essen wollte und so schlossen wir den Deal, zunächst Bethlehem und anschließend die Altstadt in Jerusalem zu besuchen und stattdessen morgen bei McDonald’s zu frühstücken. Bethlehem liegt weiter von Jerusalem entfernt als die 8 km Wegstrecke. Unterwegs gibt es einen Checkpoint der Armee, Warnschilder, dass israelischen Staatsbürgern der Zutritt zu den Palästinensischen Autonomiegebieten bei Lebensgefahr verboten ist und eine Sicherheitsmauer. Die Mauer, die frappierend an die Berliner Mauer erinnert, ist abstoßend und furchteinflössend und die Malereien und Graffitis auf der palästinensischen Seite zeugen von der Wut, Frustration und Verzweiflung vieler. Allerdings wurde mit ihrem Bau auch die beispiellose Terrorwelle, bei der vollbesetzte Busse in israelischen Städten in die Luft gesprengt wurden, beendet. Die Täter kamen alle aus der Westbank und seit der Zaun steht, gab es keine solchen Attentate mehr. Die Welt ist nicht so schwarz-weiß, wie wir sie in Deutschland gern sehen. Wir können einfach froh sein, dass wir solche Probleme nicht haben und über Veggie-Tage und Flugscham diskutieren können. In Bethlehem angekommen, folgten wir zunächst Jerrys Empfehlung und kehrten in einem bestimmten Restaurant im Zentrum ein, um Schawarma zu essen. Ich war sehr erwartungsvoll, rechnete mit einer Geschmacksexplosion und damit, dass ich in Köln keinen Döner mehr essen kann. Es kam anders. Das Brot war zäh und das Lammfleisch, die ausdrückliche Empfehlung des Kochs, so zäh, dass es alle meine Zahnlücken stopfte. Am Schlimmsten aber war, dass das Essen absolut geschmacksneutral war. Nach dieser ersten echten kulinarischen Enttäuschung des Urlaubs fuhren wir zur Geburtskirche, die über der angeblichen Geburtsstätte Jesu in Bethlehem errichtet worden ist. Die Kirche ist sehr alt, soll aus dem 6. (!) Jahrhundert stammen. In der Kirche gingen wir eine Treppe hinunter in die Geburtsgrotte, in der unter einem Altar ein Silberstern die Stelle markiert, an der Jesus geboren worden sein soll. Als wir die Geburtsgrotte betraten, realisierten wir, dass wir fälschlicherweise die Ausgang-Treppe benutzt hatten, denn auf einer zweiten Treppe standen in langer Schlange von oben Pilger an, um sich nacheinander unter den Altar zu legen und die vermeintliche Geburtsstelle Jesu zu küssen. Zwei zivil gekleidete Offizielle herrschten die Liegenden an, sich zu beeilen, schließlich warteten noch andere Gläubige. Wer nicht sofort reagierte, wurde am Arm gefasst und ein Mann gar rüde hochgezogen. Wir selber legten uns nicht unter den Altar. Einerseits hatten wir nicht in der langen Schlange angestanden, andererseits empfanden wir die Szenerie als irgendwie verstörend. Lina wurde mit Öl gesalbt, anschließend gingen wir die Treppe wieder nach oben. Als wir die Kirche verließen, strömten die nächsten Gruppen herein, um sich gleich anpöbeln zu lassen. Jerry setzte uns in Jerusalem am Jaffator, einem der Stadttore der Altstadt, ab, von wo aus wir zur Grabeskirche gingen. Die Gassen der Altstadt waren durch zahlreiche Männer, die vom Freitagsgebet zurückkehrten, überfüllt. Manche gingen allein, viele plauderten fröhlich miteinander. Vor der Grabeskirche wurde Lina von einem Polizisten angesprochen. Die Beantwortung von How are you?-What’s your name?-How old are you?-Where are you from? funktioniert so gut, dass die Leute meist denken, Lina spricht fließend Englisch – und wir vor Stolz fast platzen. Am Ende der netten Plauderei hieß er Lina und uns freundlich willkommen, während sein Kollege den Eingangsbereich der Grabeskirche mit Drehungen des Kopfes fortwährend scannte. In der Kirche gingen wir zunächst eine Treppe unmittelbar hinter dem Eingang rechts hoch. Sie führte zu einer höheren Ebene und einem großen Stein, der als Golgathafelsen betrachtet wird, an dem Jesus‘ Kreuz gestanden haben soll. Auch hier standen die Gläubigen Schlange, um sich unter einen Altar zu legen und das oberste Stück Fels zu küssen oder zu berühren. Damit sich jeder angemessen verhielt und niemand zu lange verharrte, saß ein griechisch-orthodoxer Mönch auf einem Stuhl neben dem Altar und schüchterte die Gläubigen mit seiner Mimik und geknurrten Ansprachen ein. Er trug einen beeindruckenden Bart und seine Ausstrahlung von Ernsthaftigkeit und Humorlosigkeit, dazu das Fehlen jeder Wärme in seinem Blick, ließen ihn wie eine fleischgewordene Romanfigur erscheinen. Wir stellten uns in der Schlange nicht an und schlenderten stattdessen durch die verwinkelte Kirche zur Grabeskapelle. Dort reihten wir uns in die Schlange der Wartenden ein, um in der Grabeskapelle das leere Grab zu besichtigen [sic]. Auch hier wiesen die orthodoxen Mönche mit der Autorität ihren Kutten und Bärte die Gläubigen darauf hin, langsamer oder schneller zu gehen, keine Fotos zu machen oder die Schultern zu bedecken. Wir besichtigten das Heilige Grab, ohne, dass es spirituell etwas bei mir hinterlassen hätte. Als wir die Grabeskirche verließen, um zur Klagemauer zu gehen, warteten auch vor dieser Kirche mehrere große Gruppen, die sich durch die Farbe ihrer Gemeinschafts-T-Shirts unterschieden, auf ihren kollektiven Einmarsch. Mittlerweile war es 17:30 Uhr, zwei Stunden vor dem Beginn des Shabbats. Der Weg führte uns vom christlichen ins jüdische Viertel der Altstadt. Viele Juden waren unterwegs und die meisten, Erwachsene wie Kinder, waren sehr schick gekleidet. Vielen kleineren Kinder konnte man die Aufgeregtheit vor dem nahenden Shabbat ansehen, es war eine Atmosphäre wie ein abgeschwächtes Weihnachten, sozusagen Weihnachten light. Wir flossen inmitten des gläubigen Stroms zur Klagemauer und beobachteten das wuselige Treiben. Vor dem Bereich, in dem Männer und Frauen getrennt zur Mauer gehen, stellte sich eine große Gruppe blau und weiß gekleideter Jugendlicher auf, Jungen wie Mädchen. Sie wurden angeleitet von einem Mann mit Kippa und Megaphon und sangen HaTikwa, die Nationalhymne Israels und Hymne der zionistischen Bewegung. Es herrschte eine ausgelassene Volksfeststimmung. Viele Menschen strömten zum Platz vor der Mauer und viele verließen ihn auch. Vor allem viele Ultraorthodoxe verließen das Areal hektisch, was allerdings nicht verwunderlich war, da für sie in einer Stunde das einzige religiös zulässige Fortbewegungsmittel die eigenen Füße sein würden. So sehr ich von der Religiosität der ganzen Menschen beeindruckt bin, die Pilgerstätten aufsuchen, fröhlich vom wöchentlichen Gebet kommen oder sich auf den religiösen Feiertag vorbereiten und freuen, bin ich doch froh, nicht dazuzugehören. Ich kann Alkohol trinken, auch samstags Auto fahren und verehre, auch als Katholik, keine vermeintlich heiligen Orte.

Reise nach Jerusalem

Gegen 11 Uhr verließen wir Ein Bokek und fuhren gen Norden, nach Jerusalem. Kurz hinter dem Ortsschild stand ein Warnschild „SINKHOLE AREA“ und bald konnten wir die berüchtigten Senklöcher links und rechts der Straße erkennen. Durch den abfallenden Wasserspiegel des Toten Meeres bilden sich dort immer häufiger Löcher von bis zu 50 m Durchmesser und bis zu 25 m Tiefe. Gegen das unheimliche Phänomen ist man völlig machtlos, bereits mehrere Orte am Toten Meer mussten deswegen kurzfristig aufgegeben werden. Es passt zu den Widersprüchlichkeiten dieses Landes und dieses Urlaubs, dass wir betreten an kraterdurchzogenen Geisterorten vorbeifuhren und dabei von hinten den fröhlichen Jingle von Kinder-Laptop-Spielen inklusive Neunjährigen-Weisheiten wie Schuhe sind die besten Freunde eines Mädchens hörten. In dem Moment fürchtete ich, dass der Urlaub kommen wird, an dem Lina es nicht mehr cool findet, wenn wir zwei uns abends mit unseren Unterhosen bewerfen. Zwischen dem Toten Meer und Jerusalem liegt die Judäische Wüste und es war sehr abstrakt, auf einer vierspurigen Schnellstraße zu fahren, wenn links und rechts nur unbebaute Wüste liegt. Man sah allerdings immer wieder provisorische, sehr ärmliche Behausungen von Beduinen, die aus einfachen Hütten, Wellblech und Tüchern bestehen. In Jerusalem fuhren wir zufällig durch Me‘a She‘arim, einen sehr alten, außerhalb der alten Stadtmauern gelegenen, Stadtteil, in dem ganz überwiegend ultraorthodoxe Juden leben. Minutenlang fuhren wir durch Me‘a She’arim und ausnahmslos jeder Mann und jeder männliche Jugendliche trug den schwarze Kaftan und einen schwarzen Hut der Ultraorthodoxen. Fast alle Frauen und die meisten Mädchen trugen ihr Haar bedeckt, lange Ärmel und weiße Strumpfhosen. Wir fühlten uns wie in einem Filmset. Israel ist ein Teil der westlichen Welt, aber die zweieinhalbstündige Fahrt nach Jerusalem fühlte sich an wie die Fahrt auf einem anderen Planeten.

Badetag

Heute war ein unglaublich fauler Tag, denn mit Ausnahme eines kurzen Ausflugs zum Strand haben wir das Hotel nicht verlassen. Am Toten Meer waren wir froh, dass Lina nun endgültig die Nase voll hatte und nicht mehr ins Wasser gehen wollte. Das Wasser im Toten Meer hat einen zehnmal höheren Salzgehalt als Salzwasser im Mittelmeer und das Schlucken dieses Salzwassers kann tödlich sein. Da Lina – anders, als jeder andere Mensch – es im Toten Meer vorzieht, auf dem Bauch und nicht auf dem Rücken zu treiben, ist das Baden mit ihr ohnehin keine entspannte Angelegenheit. Insofern haben wir schnell und freudig zugestimmt, dass sie mit ihrer Puppe Nana auf dem Spielplatz am Strand spielt, während wir uns bemühten, selber kein Wasser zu schlucken. Den Rest des Tages verbrachten wir dann bei 45 Grad Lufttemperatur am Pool. Am späten Vormittag wurde das entspannte Treiben aber jäh gestört, als zwei Kampfjets im Tiefstflug über die Straße neben den Hotels donnerten. Sie flogen in einer Höhe, die niedriger war als die Höhe der Hotels in Ein Bokek und machten einen solchen Krach, dass wir Badenden den Jets erschrocken nachsahen. Dies wiederholte sich bis zum Nachmittag drei- oder viermal. Auch in Europa kennen wir Tiefflieger und Kay und ich wurden in den Highlands mal von einem Kampfjet, der über unsere Köpfe donnerte, fast zu Tode erschreckt. Aber hier weißt du nie, ob die Jets gerade auf einem Übungsflug oder auf dem Weg nach Damaskus oder Bagdad sind. Jedoch flogen alle von Nord nach Süd, aus dem Süden kamen keine anderen zurück und in den Nachrichten wurde nichts berichtet. Es waren wohl Übungsflüge.

Masada

Nach einem ausgiebigem Frühstück, wie wir es eigentlich jeden Morgen genießen, fuhren wir nach Masada. Auf dem 16 km entfernten Felsplateau am Toten Meer haben im Jahr 73 n. Chr. fast 1000 Männer, Frauen und Kinder, Angehörige der radikalen jüdischen Gruppe der Zeloten, der römischen Belagerung getrotzt. Als den Römern nach acht Monaten der Durchbruch gelang und die Einnahme der Befestigungsanlage bevorstand, entschlossen sich die Zeloten zum kollektiven Selbstmord. Masada ist so im heutigen Israel zum Symbol geworden für den Selbstbehauptungswillen und die Widerstandskraft des jüdischen Volkes und des israelischer Staates. Man kann darüber diskutieren, wie heroisch es ist, die eigenen Kinder zu töten und wie freiheitsliebend es ist, Selbstmord zu begehen. Zumal der Massenselbstmord strategisch nicht wirklich vorteilhaft war, denn mit dem kollektiven Tod der Zeloten war auch ihr Aufstand beendet. Aber sei’s drum, Masada ist nicht nur ein Meilenstein in der jüdisch-israelischen Erinnerungskultur, sondern auch ein interessantes Ausflugsziel. Es gibt momentan nur eine Möglichkeit, das 440 Meter hohe Bergplateau zu erreichen und so fuhren wir mit der unvermeidbaren Seilbahn. Die meisten Passagiere genossen Fahrt und Aussicht, ich war angesichts meiner Höhenangst dankbar, dass die Fahrt nur drei Minuten dauerte und durch die vollen Kabine meine Sicht verhagelt war. Auf dem heißen Plateau angekommen, tranken wir zunächst Wasser, bevor wir mit der Besichtigung der imposanten Ruinen der Festung begannen. Diese wurde vom jüdischen König Herodes erbaut, von den Römern übernommen und von den Zeloten dann erobert. Und während wir trinkend im Schatten eines Sonnensegels saßen und die Reisegruppen um uns herumwuselten, wurde uns wieder bewusst, wie gut wir es haben. Wir müssen keine gelben Käppis tragen und jemandem mit einer gelben Fahne folgen, der uns sagt, dass wir zusammenbleiben sollen, uns Dinge erklärt, die uns nicht interessieren und uns an Stellen, an denen wir länger bleiben möchten, zur Eile antreibt. Wir hatten wieder unsere eigene Strecke und unser eigenes Tempo. Bei solchen Besichtigungen klappt es immer ganz gut, Lina einzubinden und zu motivieren, indem wir ihr Sonderaufgaben geben. In Akko sollte sie Hinweisschilder, zum Beispiel zur alten Synagoge und zum Türkischen Basar, identifizieren. Heute war ihr Auftrag, Schattenplätze zu finden. Außerdem ist Lina – mit Stolz – unser Scout, muss vorangehen, um Ecken gehen und Besonderheiten melden. So verbrachten wir drei Stunden gehend, trinkend und quatschend auf dem heißen Plateau und fuhren anschließend mit der Seilbahn zurück in die Ebene. Im Hotel zogen wir uns um und gingen zunächst zum Toten Meer. Kay und ich hatten abgestimmt, dass wir abwechselnd baden und der andere bei Lina bleibt. Als wir aber am Ufer standen, war Lina die Erste, die das T-Shirt auszog und zum Wasser ging. Bei aller Aversion gegen Salzwasser – und das Tote Meer im Besonderen – siegte doch wieder ihre Neugierde. Lina blieb etwa fünf Minuten im Wasser, um sich anschließend unter einer der öffentlichen Duschen am Strand episch lang zu duschen. Kay und ich nahmen danach ein Bad in dem Salzsee, anschließend ließen wir auch diesen Tag im Pool ausklingen. Das Oasis Dead Sea ist kein familiäres Hotel wie unser Hotel in Tiberias, sondern ein großes, anonymes Hotel. Wie auch in Tiberias sind die meisten Gäste Israelis, aber das restliche Publikum ist international sehr gemischt. Das bringt es mit sich, dass wir nach mehreren Tagen auch wieder Deutsch hören – und gehört werden. Lina haben wir schon eingebleut, dass Begriffe wie Pissnelke daher möglichst vermieden werden sollten, hatten aber überschaubaren Erfolg. Zum einen konnten wir ihr der Sinn nicht vermitteln, zum anderen überwiegt bei Lina im Zweifel immer ihr Hang zum Anarchismus und ihre Lust an der Provokation. Morgen wollen wir den Tag nur am Strand und am Pool verbringen. Und wenn Lina einen gewissen Leerlauf fühlt und viel Zeit hat, droht sie, zu Hochform aufzulaufen.